— Auszugsweiser Rückblick auf vier Jahrzehnte Welt-, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik —

Am 24. Januar fand das Neujahrs-Weißwurst-Essen des SPD-Ortsvereins Seefeld im Gasthaus Ruf statt. Zu diesem Anlass wurden auch langjährige Mitglieder geehrt und ein persönlicher Rückblick auf die vergangenen vierzig Jahre Politikgeschehen gehalten.

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Mitglieder, Freunde und Freundinnen des SPD-Ortsvereins Seefeld

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ein anderer Blickwinkel, 20 sind gekommen

Die Vorsitzende Marion Koppelmann darf zwanzig Mitglieder, Freunde und Freundinnen des SPD-Ortsvereins begrüßen

Zu Beginn der 1970er Jahre ist der OV Seefeld noch mit dem OV Weßling zusammen und Hechendorf eine unabhängige Gemeinde. Beim Erstellen der ersten SPD-Liste für die Gemeinderatswahlen zeigen sich etablierte Räte erstaunt, wieso sich „die Roten“ aufstellen lassen. Sie hätten doch nichts, keinen Grund und Boden, kein Geschäft, für das zu engagieren, es sich lohnen würde. Es gibt auch Stimmen, die ihren Unmut über die Sozialdemokraten im Ort deutlicher zum Ausdruck bringen ….

Gerhard Zelnitschek-Kaub, Vater von fünf Kindern und vor seiner Pensionierung Hauptschullehrer, wird im Oktober 1973 SPD-Mitglied und engagiert sich unter anderem jahrelang für die Agenda „Kinder und Jugend“. So geht z.B. die Skater-Anlage in Hechendorf auf seine Initiative zurück. Klaus Schöpper tritt einen Monat früher ein und ist nicht nur im OV politisch aktiv, sondern auch beruflich als Betriebsrat.

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Gerhard Zelnitschek und Klaus Schöpper, beide schon 40 Jahre SPD-Mitglied

Klaus Schöpper und Gerhard Zelnitschek-Kaub erhalten von der Vorsitzenden für mehr als vierzig Jahre SPD-Parteimitgliedschaft die Silberne Ehrennadel (matt) und eine Urkunde

Wer jetzt denkt, die Roten seien eh nur die Zugereisten, irrt: Klaus Schöpper wurde in Herrsching geboren und wohnt seitdem in Hechendorf. Auch Ulrich Leinfelder, Mitglied seit mehr als 30 Jahren, ist gebürtiger Hechendorfer; sein Vater war lange CSU-Gemeinderat. Die meisten jungen Bayern hatten damals Eltern, die die CSU zumindest wählten. Sich als „Sprössling“ da anders zu entscheiden und dies auch noch mit einem Parteibuch zu belegen, war nicht einfach. Auch Klaus Schöpper berichtete den am 24. Januar 2015 anwesenden Mitgliedern, Freunden und Freundinnen des Ortsvereins von den schwierigen Anfängen seines politischen Engagements in Bayern. Aber in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn regiert die SPD mit den Liberalen und bringt vieles auf den Weg.

So beginnt man sich endlich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen, nachdem Willy Brandt 1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Warschau niederkniete. 1971 ordnet Hans-Dietrich Genscher (FDP) an, dass alle unverheirateten berufstätigen Frauen in verantwortungsvoller Stellung mit „Frau“ anzureden seien. Im selben Jahr erhalten Studierende vom Staat erstmalig BAFöG. 1973, im Jahr der Ölkrise, erfolgt die zweite Reform des Paragraphen 175, bis er dann 1994 aufgehoben wird. Seit dem 1. Januar 1975 ist man schon mit achtzehn volljährig.

Aber es gibt auch Rückschläge. 1977 erreicht der RAF-Terrorismus seinen traurigen Höhepunkt mit der Entführung der Landshut und der Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer. Weitere Ereignisse, die die Gemüter bewegen, sind der Nato-Doppelbeschluss 1979-1983 und das Waldsterben, das in den 1980er Jahren so großflächig stattfindet, dass man es nicht mehr übersehen kann.

Nicht nur in Bayern schockiert 1980 das Oktoberfestattentat, AIDS erhält Epidemiestatus und Helmut Kohl wird Bundeskanzler. 1983 regen die gefälschten Hitler-Tagebücher im Stern auf und die Durchsetzung des Nato-Doppelbeschlusses. Im selben Jahr ziehen die Grünen in den Bundestag ein, Richard von Weizsäcker wird Bundespräsident.

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Für 30 Jahre SPD-Mitgliedschaft erhielten Dr. Gerhard Möller, Ernst Deiringer, Alfred und Angela Pflügler die silberne Ehrennadel

Unsere „30-Jährigen plus“ mit der Silbernen Ehrennadel (poliert): Dr. Gerhard Möller, Ernst Deiringer, Alfred und Angela Pflügler. Benny Gebauer war beruflich verhindert und Ulrich Leinfelder krankheitsbedingt nicht anwesend.

Bei uns im Ortsverein treten 1983 Bertram Gebauer, Alfred Pflügler, Ulrich Leinfelder und Angela Pflügler in die SPD ein. Angela erklärt rückblickend, dass der geplante Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf mit dem kämpferischen SPD-Landrat Schuierer und das Waldsterben für sie und ihren Mann Alfred Anlass gaben, politisch aktiv zu werden. Angela war von 1984 bis Herbst 1992 Gemeinderätin (Bau- und Rechnungsprüfungsausschuss und Fraktionsvorsitzende). Ihr Ehemann Alfred ist wechselnd Schriftführer und Kassier. 1984 treten Ernst Deiringer und Dr. Gerhard Möller in den Ortsverein ein. Zusammen mit Dr. Gerhard Neuweiler, Zoologieprofessor und 2008 verstorbenes Seefelder SPD-Mitglied, initiiert man den „Seefelder Appell“. Die Pilsensee-Nachrichten werden entwickelt und sind genauso wie die Wahlprogramme „handgemacht“.

Angela erinnert sich dazu: „Beide [Alfred und ich] haben wir natürlich die Pilsensee-Nachrichten mit Kleber und Schere in Sebastian Schmidingers Praxis mit Gerhard Möller, Gerhard und Edda Neuweiler, Wolfgang Niemann, Benny Gebauer und vielen anderen mehr damals entstehen lassen: schöne Faltrunden auch bei Gerhard Möller [mit] gutem Rotwein …“

Ulrich Leinfelder ergänzt: „[…] alle [Männer] hatten Bärte […] Der Bastian, der Gerhard, Klaus Schöpper, Wolfgang N. und Ernst sowieso. Auf den […] schwarz- weiß kopierten Wahlprogrammen mit aufgeklebten Passfotos sahen alle aus wie Marx und Engels. Aber das machte nix, denn die anderen machten damals noch gar nix. Die wurden sowieso gewählt.“

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Unsere Vorsitzende Marion Koppelmann erhält symbolisch die „Insignien_der Macht“

Nachdem Ernst Deiringer die Silberne Ehrennadel für dreißig Jahre Mitgliedschaft erhalten hat, überreicht er Marion Koppelmann symbolisch die „Insignien der Macht“: den OV-Stammtisch-Wimpel

Ernst Deiringer ist einige Jahre lang OV-Vorsitzender, einmal tritt er als Bürgermeisterkandidat an. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Wiedervereinigung organisiert er mit dem Bürgermeister unserer Partnergemeinde Vacha eine Ausstellung in Berlin. Ernst Deiringer ist fünfzehn Jahre lang Gemeinderat und bekleidete in der letzten Legislaturperiode das Amt des „Umweltreferenten“. Damit schließt sich sozusagen der Kreis: Auch bei ihm gab in den 1980er Jahren das Waldsterben Anlass für seinen Eintritt in die SPD und sein öffentliches Eintreten für den „Umweltschutz“. Zahlreiche Artikel von ihm u.a. zu diesem Thema erschienen in den PN, der Regionalpresse oder führten zu Offenen Briefen an die Parteiführung — zuletzt im Mai vergangenen Jahres anlässlich der Erneuerung des EEG. Über den SPD-Ortsverein hinaus gilt Ernst schon lange als „ökologisches Gewissen“ der Gemeinde Seefeld.

1985 wird Michail Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU, 1986 zeigen der „Challenger“-Unfall und der Super-Gau in Tschernobyl, dass die Menschen die Technik doch nicht so beherrschen, wie sie es sich wünschen würden. 1987 sorgt die erste Volkszählung in Deutschland für eine Welle der Empörung, und die Barschel-Affäre zerstört so manchen politischen Traum. 1988 vergreift sich Jenninger bei seiner Rede im Bundestag zum 50. Jahresgedenken der Novemberprogrome 1938 im Ton. 1989 fällt die Mauer, und 1990 folgt die Wiedervereinigung. 1991 wird der „Soli“ eingeführt. 1998 wird Gerhard Schröder Bundeskanzler, 1999 findet der Umzug von Berlin nach Bonn statt und der Euro wird als Buchgeld eingeführt.

Dr. Gerhard Möller ist von 1986 bis 2000 unser Ortsvereinsvorsitzender. Ab 1990 ist er Gemeinderat, bis er 2004 aus gesundheitlichen Grünen zurücktritt. Seit 2001 ist Gerhard Kassier. Ihn brachte sein Engagement im Elternbeirat der Grundschule zur Kommunalpolitik. Seine Motivation war und ist die Hoffnung, dass man in diesem überschaubaren, kommunalen Raum wirklich etwas bewegen kann.

1990 tritt Angela Pflügler als SPD-Bürgermeisterkandidatin an, ruft Ute Dorschner an und meint: „Sie sind doch eine moderne, junge Frau, wollen Sie nicht auf unsere Liste?“ Ute bittet sich einen Tag Bedenkzeit aus und sagt dann zu.

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Unserer treuesten und längsten Mitarbeiterin / Unterstützerin / Gemeinderätin UTE DORSCHNER ein kleiner Dank!

Statt Ehrennadel: eine kleine Aufmerksamkeit seitens des OV für Ute Dorschner

Seitdem ist Ute Dorschner obwohl parteifrei sozusagen zum Urgestein des SPD-Ortsvereins geworden. Als Enkelin eines Försters in einem Haus mit großem Garten, einem gewerkschaftlich aktiven Vater und einer Gartenbau-begeisterten Großmutter und Mutter aufgewachsen, setzt sie sich bis heute für Naturschutz, Soziales und Kommunalpolitik ein. Seit 1990 ist sie durchgehend für die SPD im Gemeinderat. Bis Ende der 1990er Jahre arbeitete sie aktiv bei Proasyl Wörthsee mit. Seit 1998 ist sie Vorsitzende der „Schutzgemeinschaft Aubachtal e.V.“ und 2008 kandidierte sie für das Bürgermeisteramt. Ende vergangenen Jahres gründete Ute mit anderen die Agenda „Integration und Asyl“.

Seit 2001 ist wieder Krieg in Afghanistan, am 11. September erschüttert der Terroranschlag auf das World Trade Center die Welt, 2003 wird der Diktator Saddam Hussein gestürzt. In der Folge verschärfen sich die vermeintlich religiös begründeten Spannungen und Konflikte weltweit. 2003 bis 2005 wird die Agenda 2010 eingeführt und Angela Merkel wird Bundeskanzlerin einer Großen Koalition. 2008 muss das Bankhaus Lehman Brothers Insolvenz anmelden, und es folgt die Euro-Krise. 2009 regiert die CDU mit der FDP. Seit 2013 gibt es wieder eine Große Koalition.

Im selben Jahr ist Charlotte Gärtner seit 25 Jahren Mitglied in unserem Ortsverein. Wolfgang Weishäupl hätte seine Ehrennadel für 25 Jahre Mitgliedschaft schon 2011 erhalten sollen. Dies wurde am 24. Januar nachgeholt. Er erinnert sich noch gut an die Demonstrationen in Wackersdorf, an denen er teilgenommen hat. Inzwischen ist er nicht mehr „nur“ SPD-Mitglied und Beisitzer im Vorstand, sondern auch Vorsitzender des VDK-Ortsverbands Seefeld/Wörthsee.

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Wolfgang Bernhard wird mit einer Urkunde für 10 Jahre Mitgliedschaft geehrt

Abschließend durfte der Ortsverein auch Wolfgang Bernhard für seine zehnjährige Mitgliedschaft beim SPD-OV Seefeld eine Urkunde überreichen.

In vierzig Jahren Ortsvereinsgeschichte hat sich viel verändert. Inzwischen ist die SPD als politische Kraft akzeptiert und hat bei den Kommunalwahlen 2014 einen dritten Platz im Gemeinderat zurückgewonnen. Für die Zukunft arbeiten wir an dem vierten.

Marion Koppelmann

 

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