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„Tempi 30, 50, 100 bis unendlich …“

Ansichten eines Migranten

von Dr. Sven Nissen-Meyer

Verfolgt man Berichte zu Verkehrsunfällen und Unfallstatistiken, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss, dass das Rasen und Drängeln einiger weniger rücksichtsloser Verkehrsteilnehmer den Rest der Autofahrer quasi in Geiselhaft nimmt. Dass der Gesetzgeber viel zu wenig dort unternimmt, wo kurzfristig Erfolge zu erzielen wären, ist für mich eine Verletzung seiner Pflicht zur Gewährleistung des verfassungsmäßig verbürgten Rechts eines jeden Bürgers auf körperliche Unversehrtheit. Zu diesem Schluss kommt man zwangsläufig, wenn man einfache physikalische Bewegungsgesetze betrachtet, wenn man Fragen zur Fahrtüchtigkeit von Autofahrern stellt, wenn man über die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft diskutiert.

Die Vielzahl von Toten und Verletzten sind eben keine Kollateralschäden, die notwendigerweise in Kauf zu nehmen sind, wie die Tempodiskussion bis zurück in die 1950er Jahre suggeriert. Politiker und Industrielle äußerten schon damals unverblümt, dass die Interessen der Industrie die Verkehrstoten aufwiegen würden.

Aufgrund all dessen gesetzgeberisch aktiv zu werden, halte ich für ebenso geboten wie seinerzeit bei der Einführung des allgemeinen Rauchverbots in öffentlichen Räumen. Auch beim Autofahren geht es um Leib und Leben, Gesundheit und Wohlbefinden anderer. Und gegen die Unbeweglichkeit gesetzgeberischer und ausführender Organe hilft nur eines: Steter Tropfen höhlt den Stein.

„Freie Fahrt für freie Bürger“

Diese heute etwas anachronistisch anmutende Parole des ADAC aus den Siebzigern scheint zwar in der Formulierung aus der Mode gekommen zu sein. Es trauen sich nur noch wenige, sich so platt auszudrücken. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Parole inhaltlich in einigen Köpfen noch genauso weiterlebt.

Der Vorschlag eines allgemeinen Tempolimits ist nach wie vor politischer Selbstmord für jede Partei wie man am Rande der letzten Bundestagswahlen sehen konnte.

Vor fast 50 Jahren bin ich als Student im schönen Bayern gelandet und hängengeblieben, und seit einem Jahr eingebürgert. Ich bin in Norwegen aufgewachsen und wurde insbesondere verkehrstechnisch mit 16 in Kalifornien sozialisiert, wo Autofahren kein Recht, sondern ein Privileg ist.

Während der langen Zeit in Bayern bin ich zu der Meinung gekommen, dass der Geist des einleitenden Satzes nicht nur ein Hindernis bei der Einführung eines allgemeinen Tempolimits auf Autobahnen darstellt, sondern in gewisser Weise auch für die Einführung von Tempo 30 innerorts, sowie von weiteren verkehrssichernden Maßnahmen. Es ist beileibe nicht die Mehrheit der Autofahrer, die diesem Geist frönt und gegen bestehende Tempolimits verstößt und gegen verantwortungsvolles Fahren sündigt. Aber es sind ihrer genug, um vielen gewaltig auf die Nerven zu gehen. Dies äußert sich bei den Bedrängten in Wut nach dem Motto: „Die Herausforderung nehme ich an!“, in Form von Angst und Unsicherheit beim Fahren und in Form von Racheaktionen durch besonders langsames Fahren, etc.

Mein deutscher Schwager, ein Fußballfan, versuchte es mit Humor: Er zeigte den Dränglern die rote Karte. Ein schottischer Freund von uns fuhr mal von Edinburgh nach München. „Nie wieder“, sagte er danach, das sei ja „sheer madness“, der helle Wahnsinn, der auf deutschen Autobahnen herrsche. Vielleicht ist vielen Rasern gar nicht bewusst, wie sie auf andere wirken. Aber bekanntlich kommt es nach moderner Kommunikationstheorie nicht darauf an, wie man sich selber sieht, sondern wie man von anderen wahrgenommen wird.

Die Drängler

Wer kennt sie nicht, die Drängler auf der Autobahn, wenn man selbst mit 130 km/h links beim Überholen ist? Diese Zeitgenossen sind wohl der Meinung, die linke Spur gehöre ihnen, weil sie schneller fahren wollen als 130 km/h. Aber sind wir denn im Kindergarten oder auf der Autobahn?

Wer kennt das nicht, die regelmäßige Situation auf der Eichenallee bei Tempo 70-75 von hinten bedrängt zu werden durch besonders Eilige, die dann auch noch riskant überholen und davoneilen? Dabei dient Tempo 70 in der Allee der Schonung der alten Bäume. Und das sollte doch uns allen etwas wert sein …

Wer kennt sie nicht, die Drängler in bestehenden Tempo-30-Zonen, wo meist das riskante Überholen nicht möglich ist? Und die, die weit über 30 km/h fahren, obwohl in Wohngebieten jederzeit aus engen, unübersichtlichen Ausfahrten Autos, Fahrräder oder auch Kinder kommen könnten?

Was ich einfach nicht verstehe, ist die vielfach fehlende Einsicht, dass Tempolimits für alle gelten und dass deren Übertretung genauso wenig ein Kavaliersdelikt ist wie Steuerhinterziehung. Der „Erfolg“ des im vergangenen Herbst durchgeführten Blitzmarathons bestätigt diese fehlende Einsicht auf frappierende Weise. In der SZ vom 20.09.2014 gifteln der ADAC und auch die Polizeigewerkschaft, dass die Gemeinden nur wegen der Abzocke das Blitzen vielfach „outsourcen“. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Blitzen offensichtlich notwendig ist, sonst würde nicht so viel Geld in die Kassen gespült. Man kann höchstens einwenden, die Gemeinden sollten auch an nicht so lukrativen Stellen auf das Blitzen bestehen, wenn sie denn besonders gefährlich sind.

Die Freiheit

Ja, ja, die Freiheit … Ein Angeklagter stand vor langer Zeit in den USA vor Gericht. Er berief sich auf das Recht in einem freien Land, seine Arme schwingen zu dürfen, wo er wolle, hatte dabei aber einen anderen niedergeschlagen. Sein Richter aber sagte: „Deine Freiheit, die Arme zu schwingen endet genau dort, wo die Nase des Anderen beginnt“. Genau das ist der Punkt: Freies, schnelles Fahren bedeutet sehr häufig ein Eindringen in die Privatsphäre anderer, sei es bzgl. Lärmschutz, sei es durch Nötigung, Gefährdung durch zu dichtes Auffahren, bei riskantem Überholen, beim Töten oder Verletzen, weil der Fahrer nicht rechtzeitig zum Stehen kommt, beim Verpesten unserer aller Umwelt, beim Verschwenden unserer aller Ressourcen. Mein Eindruck ist, dass die Berücksichtigung solcher Punkte in Deutschland im Vergleich zu anderen zivilisierten Ländern zu kurz kommt.

Die Fahrtüchtigkeit

In der Fahrschule für die Motorradprüfung (in Bayern) riet uns der sonst sehr besonnene Fahrlehrer, wenn jemand auf der linken Spur nicht weichen will, ihn ein paar Mal dezent anzublinken, dann würde er schon Platz machen. Mit anderen Worten: Weg frei für die Schnelleren! Es wurde aber nie trainiert, das Motorrad bei sehr hohen (erlaubten) Geschwindigkeiten zu handhaben, geschweige denn, wie man sich in Gefahrensituationen verhält. Zu Recht werden Autos und Motorräder alle zwei Jahre auf verkehrsgefährdende Mängel untersucht. Die Fahrer werden aber weder untersucht, noch für hohe, erlaubte Tempi trainiert. Das ist für mich ein eklatanter Widerspruch. Dabei verursachen meist die Fahrer die Unfälle und nicht ein Defekt am Auto. Nicht zu vergessen die Ausländer, die nur in Deutschland Urlaub machen, um einen gemieteten Porsche so richtig auszufahren: Wo haben die eigentlich ihr Fahrtraining absolviert? Wird überhaupt überprüft, ob sie diese Geschwindigkeiten beherrschen, bevor sie losfahren, da doch in den meisten zivilisierten Ländern Tempolimits selbstverständlich sind?

Aber auch die Fahrtüchtigkeit mancher nicht so schnell Fahrender muss angesprochen werden. Immer wieder hört man von links Ausscherenden, die dabei direkt vor ein heranrasendes Auto fahren, welches dann eine Notbremsung einleiten muss. Nicht immer erfolgreich. Eine typische Situation, die sehr wahrscheinlich daher rührt, dass manche Autofahrer nur schwer die hohe Geschwindigkeit eines herannahenden Autos im Rückspiegel abschätzen können. Eindeutig ein Fehler des ausscherenden Fahrers. Aber man wird das Problem nicht dadurch lösen, dass von manchen Autofahrern in solchen Verkehrssituationen ein Verhalten verlangt wird, das sie überfordert. Und da alle Führerscheininhaber am Straßenverkehr teilnehmen können sollen, hilft nur eins: Tempolimit, damit auf der linken und rechten Fahrbahn nicht zu unterschiedlich schnell gefahren wird.

Das Ausland

Man kann sich etwa in puncto Verkehrsdisziplin ein Beispiel an den freiheitsliebenden Schweizern nehmen. Mit ca. 120 bis 125 km/h gleitet der Autobahnverkehr lässig-cool dahin. Überholen kein Problem, da eben links und rechts nur geringe Geschwindigkeitsunterschiede herrschen. Man findet fast sofort eine ausreichende Lücke zum Spurwechseln.

In Zürich z.B. befinden sich an jeder nur erdenklichen Stelle Zebrastreifen, zum Überqueren der Straße oder zum Erreichen von Straßenbahninseln. Jeder Autofahrer hält, wenn ein Fußgänger auch nur in der Nähe eines solchen Streifens mit Blick auf den Verkehr steht. Anschließend bedankt er sich beim Autofahrer. Ähnliches in England, Frankreich, Dänemark, Norwegen, Schweden. In diesen Ländern gibt es aber auch drastische Strafen für Vergehen, die in Deutschland als Bagatellen erachtet werden. Welch stressfreier Genuss in diesen Ländern zu fahren! Und welch Graus zurück über die Grenze sich mitten im Kampf der selbst ernannten Giganten wiederzufinden!

Und was das oft genannte sportliche Fahren der Deutschen betrifft, kann ich nur lachen. Die Schweizer und die Norweger etwa sind nicht gerade wegen ihrer Unsportlichkeit bekannt. Nebenbei bemerkt: Aus Skandinavien durch Norddeutschland kommend, erscheinen mir nach dem Überqueren der weißblauen Grenze in Bayern die schlimmsten Raser unterwegs zu sein.

Unfälle: Zahlen, Daten, Fakten

Laufend kann man in den Tageszeitungen von Unfällen auf Autobahnen, auf Landstraßen und innerorts lesen. Und auch davon, wie scheinbar schwierig es wohl ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit zu treffen. Einzelne Bürger klagen gegen die Einführung von reduzierten Tempolimits. Straßenbehörden und Bürgermeister argumentieren, die Gesetzeslage oder Vorschriften erlauben dies oder jenes nicht (siehe Beispiele weiter unten).

Haben die wenigen uneinsichtigen, rücksichtslosen Drängler und Raser die ganze deutsche Gesellschaft dermaßen in Geiselhaft genommen, dass man nicht dagegen ankommt? Fürchtet sich die Gesellschaft davor, diesen Typen ihre vermeintlichen Grundrechte auf freie Fahrt zu nehmen? Oder ist es eine unheilvolle Allianz zwischen Autoindustrie und Politik? Es geht schließlich um ein zivilisiertes Miteinander im Straßenverkehr, um Rücksicht auf Verkehrsteilnehmer jeden Alters und „jeder Art“, die meist keine Rennfahrer mit entsprechenden Fahrfähigkeiten und Reaktionszeiten sind. Es geht schließlich auch um Menschenleben und um körperliche Unversehrtheit, zu deren Schutz und Garantie die Politik verfassungsmäßig verpflichtet ist.

Bremswege, Unfallwucht

Zur Klarstellung der Verhältnisse verschiedener Geschwindigkeiten zueinander, hier einige Fakten aus der Fahrschule, zur Erinnerung:

In dieser Tabelle wird die häufig verwendete Annahme zugrunde gelegt, dass ein modernes Auto einen Notfallbremsweg von 50 Metern bei 100 km/h hat, Reaktionszeit des Fahrers nicht eingerechnet. Wie man sieht, steigt der Bremsweg mit dem Quadrat der Geschwindigkeit.

Geschwindigkeit
in km/h
Geschwindigkeit
in Meter/Sek
Bremsweg
in Meter
Bremszeit
in Sek
Geschwindigkeit
nach halbem
Bremsweg in km/h
Benötigte Zeit in Sek für 500 m Fahrstrecke
30,0 8,3 4,5 1,08 21,2 60,00
50,0 13,9 12,5 1,80 35,4 36,00
100,0 27,8 50,0 3,60 70,7 18,00
141,4 39,3 100,0 5,09 100,0 12,73
200,0 55,6 200,0 7,20 141,4 9,00

Um den Inhalt der Tabelle plastischer zu machen:

Wenn ich bei Tempo 100 wegen eines Hindernisses in 50 Metern Entfernung eine Notfallbremsung vornehme, komme ich gerade noch davor zum Stehen. Bei Tempo 141,4 km/h schaffe ich das nicht mehr, sondern knalle mit Tempo 100 auf das Hindernis. Dabei gilt doch 140 km/h in Deutschland gar nicht als besonders schnell. Bei Tempo 200 ist das natürlich viel drastischer.

Analog ist die Lage zu 30 bzw. 50 km/h in unübersichtlichen, engeren Straßen. Dabei wäre der Zeitgewinn bei Tempo 50 auf einer 500 m Strecke durch eine Ortschaft gegenüber Tempo 30 lediglich 24 Sekunden. Der Bremsweg bei 30 km/h ist gerade mal eine Autolänge, dagegen bei 50 km/h ca. 2,5 Autolängen. Mit 30 kann daher häufiger in einem Notfall komplett gehalten werden, oder die Fahrt wenigstens so weit verlangsamt werden, dass die Unfallwucht wesentlich geringer ist als mit 50.

Es ergibt sich auch aus diesen Zahlen, dass die Schwere eines Unfalls vom Quadrat der Geschwindigkeit abhängt. Bei etwa Tempo 42 km/h zum Zeitpunkt eines Zusammenstoßes ist die umzusetzende Energie eines Autos in die Deformation von beteiligten Autos, von anderen Gegenständen und von menschlichen Körpern sowie in die Erzeugung von Wärme doppelt so hoch wie bei Tempo 30. Bei Tempo 50 ist sie 2,8 mal so hoch. Und bei Tempo 141 doppelt so hoch wie bei 100.

Welche rationalen Argumente sprechen also dagegen, Tempo 30 flächendeckend in Ortschaften, auch auf Durchfahrtsstraßen, einzuführen? Sicherlich nicht die des Zeitgewinns gegenüber einer wesentlich sichereren und geräuschärmeren Verkehrsführung.

Bemerkenswerte Beispiele in Sachen Geschwindigkeit aus unserer direkten Umgebung

Inning, am 27.6.2014.

An diesem Tag wurde ein Rentner getötet und seine Ehefrau lebensgefährlich verletzt durch einen Unfall an der nördlichen Einfahrt von Inning. Die beiden Personen standen innerhalb des Zaunes am Grundstück an der Brucker Str. als eines der unfallbeteiligten Autos über den Bordstein und Bürgersteig durch den Zaun brach und die beiden traf. Laut Zeitung hatte der Wagen, der aus der sehr unübersichtlichen Einmündung von „Am Anger“ kam, einem südwärts auf der „Brucker Str.“ kommenden Auto die Vorfahrt genommen. Dieses konnte weder ausweichen noch rechtzeitig abbremsen. Einer der Unfallbeteiligten krachte dann durch den Zaun. Man kann den behelfsmäßig reparierten Zaun noch sehen. Die Mitte des reparierten Teils vom Zaun liegt etwa 12-14 Meter ortseinwärts von der einmündenden Fahrspur in Am Anger entfernt, also ein ganzes Stück weg (s. Bremswege oben in der Tabelle). Die Details des Unfallgeschehens gibt die Polizei nicht heraus. Aber dieser Abstand von der Einmündung bis zum Durchbrechen des Zaunes deuten auf eine hohe Wucht und somit auf eine wesentlich höhere Geschwindigkeit des Fahrers auf der Brucker Str. als 30 km/h hin. Derzeit ist dort ja auch 50 km/h erlaubt. Aber ich wage die Behauptung, wenn er 30 km/h gefahren wäre, hätte er den Unfall vermeiden können, ein Mensch wäre noch am Leben und ein anderer nicht lebensgefährlich verletzt worden.

In der Berichterstattung dazu in der SZ und im Münchner Merkur (MM) und in einem Leserbrief von R. Kaltenbrunner im MM vom 24.7.2014 ist von der „Schwarzen Peter-Zuschieberei“ zu lesen, zwischen Bürgermeister, Gemeinde, Landratsamt und Staatlichem Bauamt Weilheim, darüber, was man tun kann und nicht tun kann. Kaltenbrunner berichtet eindringlich von 11 Jahre (!) währenden Bemühungen, den Verkehr in Inning sicherer zu machen, und es ist nichts geschehen. Behörden und Bürgermeister behaupten, auf einer Staatsstraße durch eine Ortschaft dürfe kein Tempo 30 verordnet werden. Ja, warum denn nicht! Auf der weiterführenden Staatsstraße St2070 nach Hechendorf gilt Tempo 40 in einer scharfen Kurve bei Oberndorf. Warum kann dann an einer gefährlichen Stelle innerorts nicht Tempo 30 angeordnet werden? Schließlich leben auch an Staatsstraßen von Verkehrslärm geplagte Anwohner. Und Fußgänger und Radfahrer sind auch gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer, auf die ebenso Rücksicht zu nehmen ist. Tempo 30 in ganz Inning und Zebrastreifen und Verkehrsspiegel an unübersichtlichen Stellen wären sofort wirksame und kostengünstige Maßnahmen. Stattdessen wird ewig diskutiert, vermutlich, um die Autofahrer nicht zu verprellen.

Das Verhalten der Behörden und Gemeinde riecht direkt nach staatlich verordneter „Freier Fahrt für Freie Bürger“!

Seefelder Hauptstraße

Neulich in der Seefelder Hauptstraße, vor dem ehemaligen Café und dem Blumenladen. Geparkte Autos auf beiden Seiten. Ein Auto fährt langsam Richtung Herrsching, geschätzt etwa 30 km/h, durch die enge Gasse zwischen den geparkten Autos. Ein etwa 6-jähriges Kind läuft unvermittelt zwischen den geparkten Autos hervor, in die Fahrbahn hinein und vor das fahrende Auto, das rechtzeitig halten kann. Der Fahrer fährt vorsichtig und langsam weiter, Böses ahnend. Das Kind läuft dann plötzlich von der anderen Seite wieder zurück, hinter einem Auto hervor und erneut vor das fahrende Auto. Der Fahrer kann wieder abbremsen, aber diesmal knapper. Bei erlaubtem Tempo 50 wäre das Ganze nicht so glimpflich abgelaufen. Der Autofahrer würde bei einem Unfall rechtlich zwar zur vollen Verantwortung gezogen, aber was nutzt das einem verletzen oder toten Kind?

Mögliche Maßnahmen gegen solche Situationen sind Begegnungszonen im stark frequentierten Bereich vom Blumenladen bis zum Krankenhaus. Besonders Eilige haben ja die Staatsstraße nach Weßling als Umgehung, wo sie 70 km/h fahren dürfen …

Geisenbrunn

In Geisenbrunn fordern die Anwohner der Bodenseestrasse St2068 (von Germering zur A96) seit 2007, die Geschwindigkeit auf 50 km/h und 40 km/h zu reduzieren, um den Lärmpegel auf ein erträgliches Maß zu senken, sowie Querungshilfen einzurichten. Vorschläge der Interessengemeinschaft „Lärm St2068“ und der Anwohner sind in der Vergangenheit von der Gemeinde und den Behörden auf die lange Bank geschoben worden, da man schrittweise sehen müsse, was zu erreichen sei.

Dabei kann es doch kaum einfachere Maßnahmen geben, als im Bereich einer Straße mit Anwohnern Tempo 50 bzw. 40 einzuführen und ein paar Zebrastreifen als Überquerungshilfen anzubringen. Doch anstatt das Naheliegende umzusetzen, schlägt das Landratsamt jetzt vor, von 22 h bis 6 h Tempo 50 einzuführen. Dabei hilft das den Anwohnern während des Berufsverkehrs überhaupt nicht. Und es sind keine Überquerungshilfen dabei. Die Versetzung der Ortsschilder zur Reduzierung des Tempos in Geisenbrunn wurde ganz abgelehnt. Wieder ein Fall von „Freie Fahrt …“ behördlicherseits?

Unfälle auf der A95

Über spektakuläre Unfälle auf der A95 von München nach Garmisch ist im August in der SZ und im MM berichtet worden. Einer der jüngsten mit tödlichem Ausgang ereignete sich am Sonntag, den 17.08. in der Früh und wurde von einem zwischen 200 und 300 km/h schnellen Porsche verursacht. Der Fahrer überholte in seinem, wie ich sagen möchte, Wahn, lauter für ihn verkehrsbehindernde Fahrzeuge und endete, offensichtlich unfähig, sein Fahrzeug bei solchen Geschwindigkeiten zu beherrschen, selber als Verkehrshindernis, das einen 8 km langen und 3 Stunden währenden Stau verursachte. Ich selbst saß in diesem Stau fest, ohne zu wissen was passiert war. Es ist tragisch für die Hinterbliebenen, dass die Fahrt so endete. Gerade deshalb war sie ein Wahnsinn.

In der zugehörigen Berichterstattung der SZ vom 21.8. findet sich folgende Grafik:

tempo

Quelle: Autobahndirektion Südbayern, Polizeipräsidium Oberbayern

Bayrisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

 

Hier ist ein eindeutiger empirischer Zusammenhang zwischen „kein Tempolimit“ und der Schwere der Unfälle zu entnehmen, wie oben schon erwähnt. Und es gibt keinen graduellen Übergang von „kein Tempolimit“ zu niedrigeren Tempi.

Mein Fazit

In diesem Zusammenhang kommt immer wieder das Argument, dass die Autobahnen viel sicherer seien als die Landstraßen. Dort würden jährlich viel mehr Menschen sterben. Deshalb brauche es kein Tempolimit auf Autobahnen. Auch im obigen Artikel der SZ werden solche Sätze von offizieller Seite zitiert. Die Logik dieses Arguments ist mir jedoch immer entgangen. Erstens zeigen neueste Zahlen, wie gerade diesen Sommer in der SZ und im MM berichtet, dass insgesamt auf bayerischen Straßen 2013 200 Tote zu beklagen waren. Davon sind die obigen 80 Toten auf Autobahnen in tempofreien Zonen wirklich kein vernachlässigbarer Anteil.

Zweitens muss man alles tun, um tödliche Unfälle auf Autobahnen und auf Landstraßen unabhängig von einander zu vermeiden. Wie die Grafik eindeutig zeigt, können auf Autobahnen Verbesserungen erreicht werden, völlig egal, was auf Landstraßen passiert. Die so genannte Freie Fahrt und damit lediglich ein möglicher Zeitgewinn wiegen nie die 80 Toten auf. Tempolimit ist mit „einem Federstrich“ bei entsprechendem Willen zu erreichen. Es ist bei weitem das kostengünstigste Mittel und es ist sofort wirksam. Alle anderen diskutierten Lösungen, wie Straßenverbesserungen, intelligente Verkehrsleitsysteme, dynamisch flexible Tempi, führerlose Autos, etc. sind aufwändige, kostenintensive Ansätze, auch teilweise Träumereien, die schon in den fünfziger und sechziger Jahren diskutiert wurden und längst nicht den notwendigen Effekt erbringen. Und in der Zwischenzeit sterben Menschen. Wofür?

Auf Landstraßen müssen natürlich auch Maßnahmen getroffen werden. Hier reichen aber keine allgemeinen Tempolimits. Vielmehr müssen lokale Detailkonzepte an neuralgischen Punkten erstellt werden, bestehend aus Kombinationen von Tempobegrenzungen und Überholverboten an unübersichtlichen Einmündungen, und der Einrichtung von zahlreichen Zebrastreifen, Kreisverkehren, durchgehenden Radwegen, etc. Allein in der Gemeinde Seefeld gibt es genügend unsichere Stellen, an denen man solche Konzepte umsetzen könnte, auch kostengünstig.

Zur Geschichte dieses Themas

sei anekdotisch auf die Titelgeschichte des „DER SPIEGEL 42/1956, vom 17.10.1956 verwiesen. Dort wird berichtet, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Oskar Rümmele, 66, aus Hinterzarten im Schwarzwald, Vorsitzender des Verkehrsausschusses vehement für die Einführung von Höchstgeschwindigkeiten, Tempo 50 innerorts (damals noch kein Limit!), 80 auf Landstraßen, 90 (oder höchstens 100!) auf Autobahnen kämpfte. Erreicht hat er 1957 nur 50 km/h innerorts (100 auf Landstraßen wurde erst 1974 eingeführt).

Offenen Widerstand erfuhr er von Ernst Müller-Hermann (CDU): „…die Sicherheit…durch Begrenzung der Geschwindigkeiten …, zu erhöhen, … bedeutet … lediglich ein Herumkurieren an Symptomen“.

„Noch deutlicher umreißt Helmut Schmidt (SPD) die Ursachen der hohen Unfallziffern: ‚Rümmele sollte sich in erster Linie darum kümmern, daß endlich die Straßen verkehrsgerecht ausgebaut werden.'“

Auch seitens der Autoindustrie und des ADAC kam unverblümter, generalstabsmäßiger Widerstand:

„Autofabriken, die schnelle Wagen herstellen, verbündeten sich mit den Automobil-Klubs, um die Attacke des alten Eisenbahn-Gewerkschaftlers Rümmele gegen die schnellen Fahrer noch in letzter Minute abzuschlagen“.

„‚Wir halten es für unbedingt erforderlich‘, schrieb der Oberbaurat Fritz Schmidt von der Daimler-Benz AG an das Präsidium des ADAC, ‚daß nicht nur die Mitglieder des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, sondern alle Abgeordneten des Bundestages je für sich in unserem Sinne beeinflußt werden. Wir halten es für notwendig, daß sich der ADAC in die weitere Behandlung des Fragenkomplexes einschaltet und die Beeinflussung des verantwortlichen Personenkreises absolut planmäßig durchführt. Einzelne Herren aus Ihrem Mitgliederkreis sollten gebeten werden, ihnen bekannte oder aus ihrem Gebiet stammende Bundestagsabgeordnete … in mündlicher Aussprache aufzuklären. Die Herren sollten über den Erfolg ihrer Bemühungen an Sie berichten, damit bei gegebenenfalls auftretenden Mißerfolgen von dritter Seite nachgegriffen werden kann. Angesichts der Gefahr, die für eine freie Entfaltung des Kraftfahrwesens droht, halten wir jede Anstrengung für notwendig, um Unheil abzuwenden.“

„Fritz Schmidt fürchtet: ‚Die Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung würde das ganze Produktionsprogramm der Daimler-Benz-Werke erheblich verändern.'“

„Noch mehr als Daimler-Benz bangt Porsche um seine Absatzchancen. Der Porsche-Prokurist Huschke von Hanstein, nebenbei Rennfahrer, schickte eine Eingabe an Rümmele, in der es hieß:

‚Durch eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung würde verkehrstechnisch eine noch größere Überlastung der Verkehrswege eintreten und auf der anderen Seite die technische Weiterentwicklung gehemmt werden, was wiederum seinen Niederschlag im Rückgang der Verkaufszahlen, insbesondere im Export, finden würde.'“

„Die Lobbyisten der Automobilindustrie ließen in ihren Gesprächen mit einflußreichen Parlamentariern diskret durchblicken, daß die Industrie bereit sei, etwa 10 bis 15 Millionen Mark für den Ausbau des Hilfs- und Streifendienstes der Bundesverkehrswacht zu spenden, wenn die Abgeordneten generell mehr Rücksicht auf die Interessen der Industrie nähmen.“

„Der Vizepräsident des ADAC, Bretz, möchte die Verkehrsunfallzahlen auch in anderer Hinsicht in das richtige Verhältnis rücken: ‚Der Fortschritt der Technik hat zweifellos dazu beigetragen, das menschliche Leben zu erleichtern und zu verlängern, aber der Fortschritt der Zivilisation kostet auch Opfer. Das ist die schmerzliche Kehrseite, aber man sollte sie nicht dramatisieren. Es passieren auch anderswo tödliche Unfälle, zum Beispiel in den Arbeitsstätten (im vergangenen Jahr über 7000), und die ständig ansteigende Zahl der Bundesbürger, die jährlich den Herztod erleiden, ist weit alarmierender; sie war im vergangenen Jahr zehnmal so hoch wie die Zahl der Verkehrstoten. Niemand spricht davon, daß sich trotz des sogenannten Wirtschaftswunders 1955 in der Bundesrepublik 9576 Menschen selbst das Leben nahmen, und daß in diesem Jahr 7500 Frauen bei der Haushaltsarbeit durch Gas und Elektrizität tödlich verunglückten, aber von den 12 000 Verkehrstoten spricht man wie von einem Massenmord.“

Bemerkenswert ist, mit welcher Kaltschnäuzigkeit die hohen Herren aus Politik und Wirtschaft buchstäblich über Leichen gingen. Man fragt sich schon, wie viele Menschen heute noch leben würden, hätte sich Herr Rümmele mit seinem Vorhaben durchgesetzt.

1 Antwort
  1. Schiller, Silvester
    Schiller, Silvester says:

    Hallo Sven!
    Bezugnehmend auf unser Gespräch im Pfarrsaal in Wörthsee, habe ich Deinen Artikel
    aufmerksam gelesen. Ich kann Dir in Deiner Argumentation und den angeführten Beispielen
    nur zustimmen. Vor allem die hartnäckige lange Interessenvertretung seitens der Indusrie
    und des ADAC finde ich entlarvend.

    Grüsse Silvester

    Antworten

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