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Unwissenheit oder Rassismus?

Die jüngsten Äußerungen aus den Reihen der AfD werden mir zunehmend unheimlich. Da verkündete Herr Gauland zunächst beim Interview in einer FAZ-Sonntagsausgabe Ende Mai, „die Leute“ wollten nicht einen Boateng als Nachbarn. Davon ausgehend, dass er mit „die Leute“ „die Deutschen“ meint, liegt er offensichtlich falsch. Nach seinen weiteren abfälligen Bemerkungen über die deutsche Fußballnationalmannschaft, die „nicht richtig deutsch“ sei, scheint es mir nur noch ein kleiner Schritt zur Forderung nach dem „Ariernachweis“ für Nationalspieler.

In der ARD-Talkrunde bei Anne Will vom 5. Juni zum Thema erklärt Gauland dann, nicht gewusst zu haben, dass Jerome Boateng Deutscher sei, auch habe er von Fußball nur wenig Ahnung. Selbst wenn man ihm da Glauben schenken möchte: Seine Äußerungen zu Boateng als Nachbarn und zur Nationalmannschaft sind menschenverachtend und offenbaren, wes Geistes Kind Gauland ist.

Außerdem tritt er damit das Beste, das wir haben — unser Grundgesetz — mit Füßen. [Der ehemalige Verfassungsrichter Prof. Dr. Dr. Udo di Fabio formuliert das so: „Unterscheidungen, die Menschen bereits dem Grunde nach aussondern, sind ein Frontalangriff auf die Identität unserer Verfassung.“ Quelle: „Grundgesetz“ Beck-Texte im dtv, 43. Auflage 2011, S. IX; Anm. d. Red.] Dass Gauland wenigstens das Grundgesetz kennt, darf man nach seinem Jurastudium doch annehmen …

Abgesehen davon, ist es eine Zumutung, dass man solche Töne nun wieder hören muss. Zudem sind sie ein Schlag ins Gesicht für alle, die schlimme bis tödliche Erfahrungen mit den Nazis im Dritten Reich gemacht haben, wie unter vielen anderen auch meine Eltern.

Wie heisst es doch? Wehret den Anfängen.

Sven Nissen-Meyer

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Dr. Sven Nissen-Meyer

PS: Dieser Leserbrief wurde in etwas abgewandelter Form auch an die „Süddeutsche Zeitung“ geschickt, aber nicht gedruckt. Daraufhin habe ich die im Ortsverein kritisch diskutierten Begriffe herausgenommen.

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